Mahnwache: „Fukushima ist überall“
Rede von Bernd Hecktor am 16.3.2011 am Backnanger Gänsebrunnen
Liebe Freundinnen und Freunde einer sonnigen Zukunft,
Die sich ständig neu überstürzenden Ereignisse in Japan jagen uns einen Schauer nach dem anderen über den Rücken. Die größte Katastrophe seit dem Ende des 2. Weltkrieges, seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki haben die Bevölkerung des Landes getroffen. Ein großer Teil der Infrastruktur des Nordostens ist aufgrund des Erdbebens und des Tsunamis zerstört. Viele Krankenhäuser und Produktionsfirmen sind stillgelegt. Aber schlimmer noch: die Menschen in den dicht besiedelten Gebieten um Tokio haben Angst, Angst vor der nuklearen Katastrophe, Angst vor der radioaktiven Wolke, Angst vor der Kernschmelze in den drei AKW Standorten Fukushima – Daiichi und Tokai. Fast eine halbe Million Menschen sind in Notünterkünften, viele sind auf der Flucht vor der radioaktiven Gefahr. Wahrscheinlich sind schon Zehntausende Menschen durch die Naturkatastrophen und die Atomunfälle getötet worden. Wir gedenken ihrer in einer Schweigeminute.
Wir sind ob der Ereignisse bestürzt und schockiert, aber wir sind nicht gelähmt, sondern hochmotiviert. Wir wollen, dass aus dieser Katastrophe endlich Lehren gezogen werden! Wir wollen, dass die Halbwertszeit der Erinnerung wie bei der Katastrophe in Tschernobyl nicht nur wenige Jahre beträgt.
Wir sagen: Atomkraft: Das war’s! Abschalten! Alle Atomkraftwerke! Denn Fukushima ist überall! Also alle Atomanlagen abschalten, weltweit! Gehen wir voran!
Nein, das ist keine Instrumentalisierung der Opfer, sondern verantwortungsvolles Handeln. Wir möchten hier eine ähnliche Katastrophe vermeiden! Es ist unendlich bitter für uns Atomkraftgegner, dass wir mit unseren Warnungen Recht behalten haben.
Und wir drücken in diesen Stunden den Ingenieuren in Japans Atomindustrie alle Daumen. Aber wir wollen gleichzeitig mit aller Kraft dafür sorgen, dass nicht noch mehr Menschen in eine Situation kommen, wie derzeit zig Millionen in ganz Japan.
Jahrzehntelang hieß es, die Atomkraft sei eine sichere und verantwortbare Technologie. Ein ernstzunehmender Unfall könne sich statistisch gesehen nur alle 100 000 Jahre ereignen. Sellafield, Harrisburg, Tschernobyl, Forsmark, Fukushima, alles nur innerhalb 35 Jahren – wie schnell doch die Zeit vergeht!
Die jeweils Verantwortlichen sprachen immer von undenkbaren Ereignissen. Wir stellen fest: Sicher bei der Atomkraft ist nur das Risiko, unsicher aber sind die Reaktorgebäude (Erdbeben,Überschwemmungen, Flugzeugabstürze, Erdeinbrüche im kalkhaltigen Untergrund wie in Neckarwestheim), unsicher sind die Sicherheitsbehälter, die Reaktordruckbehälter, unsicher ist die Elektrik, die Notstromversorgung etc. Und: je älter desto anfälliger! Und: sind wir gefeit vor menschlichem Fehlverhalten?
Was ist das eigentlich für eine Sicherheit, wenn Tod oder Leben von vielen Menschen von der Windrichtung abhängt?
Undenkbar, so hieß es, sei der Terrorangriff auf die Twin Towers gewesen. Ist ein Terrorangriff auf ein AKW undenkbar? Ist es undenkbar, dass der Neckar aufgrund der Klimaveränderung so wenig Wasser führt, dass dieses nicht mehr ausreicht für die Kühlung? Mich treibt die Frage um: wie vermitteln wir den Menschen in 40 000 (Neandertaler, rückwärts gerechnet) wie in 500 000, wie in einer Million Jahre, dass die radioaktiven Abfälle weiterhin gefährlich sind und bewacht werden müssen?
Die gegenwärtige Katastrophe hat uns erinnert: die Großtechnologie Atomkraft ist nicht beherrschbar. Die Gefahr übersteigt jedes menschliche, jedes beherrschbare Maß. Keine Versicherung, keine Firma, keine Landes- oder Bundesregierung kann die Risiken übernehmen. Das Risiko ist Generationen übergreifend, es greift über auf andere Kontinente, auf die ganze Menschheit. Kasse machen nur wenige Eigner von Großkonzernen. Das ist eine verantwortungslose, unmoralische Politik. Wir sagen: Raus aus der Atomkraft! Jetzt!
Wir sagen auch raus aus der Atomkraft, weil sie die technischen Grundlagen schafft für die Produktion von Atomwaffen, mit denen man immer noch alles Leben auf der Erde mehrfach auslöschen könnte.
Der sogenannte Normalbetrieb eines Atomkraftwerkes ist gefährlich. Jedes Jahr kommt es in den 17 Reaktoren in Deutschland zu ca. 100 „meldepflichtigen Ereignissen“. Jedes Jahr haben einige das Potential zu einem schweren Unfall wie zuletzt der bisher vertuschte Unfall in Philippsburg 1 am 17.6.2010. Dass es bisher nicht dazu kam, war oft Glück. Wie lange können wir noch auf unser Glück bauen? Der Wasserturm in Backnang ist Luftlinie genau 20 km von Neckarwestheim entfernt. Ein Windhauch nur. Werden wir im Falle eines schweren Unfalls noch heil hier wegkommen? Die von der Stadt gelagerten Jodtabletten sind dabei weniger als eine Beruhigungstablette. Vorsorge sieht anders aus! An die Stadt ergeht der Appell: setzten Sie sich mit uns ein: Abschalten! Alle AKWs! Und ein weiterer Appell an die Stadt: die Stadtwerke müssen raus aus der Beteiligung des AKW- Betreibers EnBW und sie müssen sich sichtbar und hörbar für eine Energiewende einsetzen! Natürlich mit einem Stromnetz, das den Bürgern gehört!
Die Bundes- und die Landesregierung Ba-Wü. – bisher eifrige Befürworter der Atomkraft – sind auf den Wagen der Atomkraftgegner aufgesprungen.Wir sagen: Herzlich willkommen und obenbleiben! Mit uns gibt es nämlich kein Moratorium und schon gar kein Demonstrationsmoratorium! Schön, dass sie die sieben ältesten Meiler vom Netz nehmen wollen! Das schadet ja auch niemanden, das ist ja genau die Menge, die wir exportieren. Wir sagen: Diese sieben Altmeiler, vier davon baugleich mit Fukushima, müssen für immer vom Netz! Alle AKW´s müssen vom Netz! Wir lassen uns nicht darauf ein, dass es nach den Landtagswahlen wieder eine Kehrtwende gibt, denn wir wollen eine echte Energiewende, weg von der unverantwortlichen Großtechnologie Atomkraft hin zur Stromproduktion mit erneuerbaren Energien, hin zu mehr Energieeffizienz!
Und der Schwabe hört es gerne: Sparen! Haushalten, auch mit Energien!
Beteiligt Euch persönlich beim Abschalte – Wettbewerb! Macht Euren privaten Atomausstieg, bezieht sauberen Strom, ja werdet selber Stromer, beteiligt Euch bei den Solarvereinen und Energiegemeinschaften. Das beschleunigt den Umstieg! Wir sagen: Atomkraft? Nein danke! Energiewende? Ja bitte, aber sofort! Gemeinsam gegen den atomaren Wahnsinn! Für eine sonnige Zukunft! „Fukushima ist überall. Alle Atomanlagen abschalten, sofort und weltweit.“
Bernd Hecktor
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